Phubbing: Junger Mann schaut auf sein Handy während seine Freundin sich langweilt
Partnerschaft

Phubbing: Ist das Smartphone ein Beziehungskiller?

Lesedauer unter 10 Minuten

Redaktion

  • Carola Kleinschmidt (Diplombiologin und Wissenschaftsjournalistin, Nerdpol – Redaktionsbüro für Medizin- und Wissenschaftsjournalismus)

Qualitätssicherung

  • Viktoria Vida (Psychologin, Master of Science)

Phubbing: Drei Fakten zu Herkunft und Verbreitung

Moderne Unhöflichkeit

Menschen, die phubben, beschäftigen sich im Gespräch oder in anderen sozialen Situationen mit ihrem Smartphone, anstatt sich voll auf ihr Gegenüber zu konzentrieren.

Englisches Kofferwort

Phubbing setzt sich aus den englischen Begriffen „phone“ (Telefon) und „snubbing“ (brüskieren) zusammen. Eine Werbeagentur kreierte das Wort.

Häufiges Phänomen

Der Großteil der Menschen in Deutschland nutzt ein Smartphone. Es gibt Hinweise, dass Phubbing häufig vorkommt, auch wenn konkrete Zahlen fehlen.

Eine alltägliche Situation: Zwei Menschen unterhalten sich – und einer schaut dabei immer wieder auf sein Smartphone, nimmt vielleicht sogar einen Anruf entgegen. Phubbing nennt sich dieses unhöfliche Verhalten, bei dem wir die Aufmerksamkeit unseres Gegenübers mit seinem Smartphone teilen müssen. Welche Folgen hat Phubbing für Beziehungen und wie lässt es sich stoppen?

Was ist Phubbing?

Phubbing beschreibt den unangemessenen Gebrauch des Smartphones im sozialen Miteinander: Während eines Gespräches wandert der Blick immer wieder zum Handy, man checkt kurz die Nachrichten, wirft einen Blick ins E-Mail-Postfach oder auf den Insta-Kanal. Empfindet unser Gegenüber dieses Verhalten als unhöflich oder ignorant, spricht man von Phubbing. „Problematisch wird es also erst, wenn sich der oder die Andere ausgeschlossen oder ignoriert fühlt“, erklärt Psychologin Christiane Büttner, die an der Universität Basel zu Phubbing forscht.

Es ist also kein Phubbing, wenn wir das Smartphone zu Hilfe nehmen, um für die Freundin am Tisch eine Zugverbindung herauszusuchen, nach der sie gefragt hat. Oder wenn wir ein Gespräch unterbrechen, um uns gegenseitig die Urlaubsfotos auf dem Handy zu zeigen. 

Ab welchem Grad der Smartphone-Nutzung wir uns brüskiert fühlten, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Auch kulturelle Prägungen spielen eine Rolle. Genaue Zahlen zur Verbreitung von Phubbing gibt es nicht. Doch mehr als 80 Prozent der über 16-Jährigen in Deutschland nutzen inzwischen ein Smartphone. Und es gibt Hinweise, dass viele Menschen häufig auch in sozialen Situationen das Gerät nicht aus der Hand legen. 

Was bedeutet Phubbing auf Deutsch?

Lange Zeit hatte man kein Wort für das ignorante Verhalten vieler Smartphone-Fans. Im Jahr 2013 prägte ein australischer Wörterbuchverlag den Begriff Phubbing. Zuvor war eine Werbeagentur beauftragt worden, ein Wort für die moderne Unhöflichkeit zu kreieren, die seit einiger Zeit zu beobachten war. Phubbing machte das Rennen – und ging viral.

Phubbing (auf Deutsch wie „Fabbing“ ausgesprochen) ist ein sogenanntes Kofferwort. Es setzt sich aus den Begriffen „phone“ (Telefon) und „snubbing“ (brüskieren) zusammen. Wörtlich übersetzt brüskiert man also sein Gegenüber, weil man ständig auf sein Smartphone schaut. 

Ihr Newsletter für ein gesünderes Leben

Jetzt unverbindlich anmelden, monatlich Gesundheitsthemen mit wertvollen Tipps erhalten und über exklusive Barmer-Services und -Neuigkeiten informiert werden.

Newsletter abonnieren

Welche Folgen hat Phubbing?

Phubbing kann unser Sozialleben empfindlich stören: „Studien zeigen, dass sich Menschen durch Phubbing weniger verbunden und weniger wertgeschätzt fühlen“, fasst Psychologin Büttner die Studienlage zusammen. Der Faden der Verbindung zwischen zwei Menschen kann schlicht abreißen, wenn der eine seine Aufmerksamkeit zwischendurch immer wieder auf das Handy richtet. Die andere Person fühlt sich zurückgesetzt, nicht gesehen, nicht wertgeschätzt – und zieht ihre Schlüsse. Manche sind einfach nur genervt. Andere zweifeln am echten Interesse an ihrer Person. 

Wenn das Smartphone wichtiger ist als die Liebe

Ist das Handy ein Beziehungskiller? „Es wird oft behauptet, dass Phubbing besonders schädlich für Liebesbeziehungen sei. Doch dafür gibt es keine eindeutigen Belege“, sagt Büttner. Entscheidender sei, welche Erwartungen und Regeln die Menschen an den Umgang miteinander haben. Das Smartphone im Bett muss für Liebende kein Problem sein, etwa wenn man sich gemeinsam lustige Clips anschaut und beide das schön finden. Auch sind digitale Geräte nicht zwangsläufig ein Problem für die Liebe, wenn beide damit einverstanden sind, dass man im Bett oder auf dem Sofa die Nachrichten auf dem Smartphone liest. Dreht sich dagegen beispielsweise der Partner ständig weg, um seine Nachrichten auf dem Handy zu checken, kann sich die Partnerin vernachlässigt oder zurückgesetzt fühlen. Studiendaten zeigen zudem, dass Phubbing in einer Partnerschaft mit dem Ausmaß an Kontrollverhalten zusammenhängen kann, und die gephubbte Person in der Folge die Online-Aktivitäten des Partners oder der Partnerin kontrolliert.

Infografik Phubbing

Schaut das Gegenüber immer wieder aufs Handy, empfinden viele das als sehr unhöflich. Das sogenannte „Phubbing“ kann zu Konflikten in der Partnerschaft und im Beruf führen. 

Phubbing bei Eltern

Phubbing kann die elterliche Feinfühligkeit stören

Man kann es nahezu überall beobachten: Eltern, die den Kinderwagen mit dem Baby vor sich herschieben und dabei am Handy lesen oder Eltern auf Spielplätzen, die fast die ganze Zeit auf ihr Smartphone starren, während die Kinder daneben im Sand spielen. Aber was ist daran schlimm? Die Kleinen sind doch beschäftigt. Und wenn das Kind ruft, ist man ja da. 

Wenn Eltern in Gegenwart ihrer Kinder dem Smartphone zu viel Aufmerksamkeit schenken, bekommen sie von ihrem Kind schlicht wenig mit. Und das sei ein Problem für die Kleinen, erklärt Kinderärztin Silke Schwarz, die als Wissenschaftlerin an der Universität Witten-Herdecke zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf das Familienleben forscht. „Für Kinder ist die Feinfühligkeit und Aufmerksamkeit der Eltern für ihre Entwicklung unverzichtbar.“

Babys und Kleinkinder lesen zum Beispiel am Gesicht ihrer Eltern ab, ob eine Situation sicher und liebevoll oder eher bedrohlich ist. Ein Experiment aus den 1970er Jahren zeigte, dass Säuglinge und Kleinkinder extrem gestresst und verunsichert reagieren, wenn das Gesicht der Mutter unbeweglich ist. Was damals nachgestellt wurde, erleben Kinder heute, wenn Eltern phubben: Beim Blick von Mutter oder Vater auf das Smartphone versteinert die Miene. Bewegungslos starren Erwachsene oft minutenlang auf den kleinen Bildschirm.

Ein Vater trägt seinen Sohn auf den Schultern und schaut auf sein Handy

Phubbing kann das Miteinander in der Familie stören. Feste Handypausen können helfen, damit wieder Austausch stattfindet.

Ein Baby oder Kleinkind im Kinderwagen sieht dann ein regungsloses Gesicht, wenn es aufwacht. Ein Spielplatzkind bekommt keine nonverbale Resonanz, wenn es den Blickkontakt zum Elternteil sucht. „Die elterliche Feinfühligkeit dem Kind gegenüber läuft Gefahr, durch die Handynutzung reduziert zu werden“, erklärt Schwarz. „Das wiederum wirkt sich negativ auf die emotionale Entwicklung von Säuglingen und Kindern aus.“ Vor allem, wenn es häufig vorkomme. 

Um Eltern rund um die Erziehung in einer digitalen Welt aufzuklären und zu begleiten, gibt es etwa das Projekt „Bildschirmfrei bis 3“, das Schwarz gemeinsam mit ihrem Kollegen David Martin und dem Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte entwickelte.

Eltern phubben oft unbewusst

Das Problem: „Eltern sind sich oft nicht bewusst, wann sie ihre Kinder phubben“, sagt Kinderärztin Schwarz. Viele seien davon überzeugt, dass sie mit dem Herzen beim Kind sind und sofort zur Stelle, wenn sie gebraucht werden. Doch sie merken nicht, dass ihr Smartphone den Kontakt zu ihrem Kind viel häufiger stört, als ihnen lieb ist. So lassen sich einer Studie zufolge viele Eltern beim Restaurantbesuch mit ihrem Kind vom Smartphone ablenken. Eine Übersichtsarbeit zeigt außerdem, dass mehr als ein Drittel der Eltern durchschnittlich eine von fünf Minuten am Smartphone verbringen, während sie mit ihrem Kind draußen sind. 65 Prozent der Mütter berichten, dass die gemeinsamen Spielzeiten mit den Kindern regelmäßig durch digitale Technologien unterbrochen sind. 

Phubbing kann das Selbstwertgefühl des Kindes schwächen 

„Bei älteren Kindern kann häufiges Phubbing dazu führen, dass das Selbstwertgefühl des Kindes leidet“, betont Kinderärztin Schwarz. Zum einen könne das Kind sich ausgeschlossen fühlen, wenn die Eltern den Kontakt zum ihm immer wieder unterbrechen, um einen Anruf entgegenzunehmen oder etwas auf dem Smartphone zu checken. Zum anderen sei es so, dass Kinder, wenn sie etwas erzählen wollen, nicht in wenigen Sätzen auf den Punkt kommen. Häufige Unterbrechungen eines Gesprächs mit ihnen, zum Beispiel durch Handyinteraktionen, machen es schwieriger für die Kinder, in eine mitteilungsfreudige Stimmung zu kommen. Schwarz erklärt, warum das so ist: „Kinder brauchen Zeit und eine gewisse Absichtslosigkeit, um sich mitzuteilen.“ 

Das heißt: Auch aus einer kleinen Absprache, etwa über die Gestaltung des Nachmittages, könne sich plötzlich ein tieferes Beziehungsgespräch entwickeln. Vielleicht erzählt das Kind in einem Nebensatz von einem Konflikt in der Schule oder von etwas, das es beschäftigt, bedrückt oder erfreut. An dieser Stelle könnten die Eltern empathisch nachfragen, in die Tiefe gehen und erfahren, wie es ihrem Kind geht. „Wenn Eltern in solchen Situationen phubben, also zum Beispiel kurz checken, ob die Mail vorhin wirklich rausgegangen ist, zerstören sie diese Ebene“, sagt Schwarz. Häufig könne man später nicht an die Beziehungsqualität anknüpfen. Das Gespräch finde dann nur noch auf der oberflächlichen Ebene des Organisatorischen statt. 

Hinzu kommt: Das verringerte Selbstwertgefühl und das elterliche Vorbild kann bei Kindern, die von ihren Eltern häufig gephubbt werden, zu negativen Verhaltensmustern führen. Sie tendieren dazu, elektronische Medien selbst vermehrt zu nutzen.

Kostenloses E-Book beantwortet mehr als 500 Fragen zur Kindergesundheit

Die Gesundheit Ihres Kindes stärken: Mit „Wenn die Laus juckt und der Zahn wackelt“ vom renommierten Kinderarzt Dr. med. Vitor Gatinho erhalten Sie wertvolle Ratschläge von der richtigen Ernährung, dem Umgang mit Einschlafproblemen bis hin zur Bewältigung von Schulstress.

E-Book herunterladen

Phubbing im Beruf

Auch im Job können Phubbing und übermäßiger Medienkonsum negative Folgen haben. Laut einer Studie gibt es einen indirekten Zusammenhang zwischen Phubbing und dem Engagement beziehungsweise der Leistung der Beschäftigten. Dabei spielt die empfundene Unterstützung des Vorgesetzten eine Rolle. Der Zusammenhang konnte in dieser Studie jedoch nur für männliche Vorgesetzte, nicht für weibliche Vorgesetzte festgestellt werden. Wenn Kolleginnen und Kollegen sich untereinander phubben – zum Beispiel indem sie in Gesprächen oder Meetings ständig auf ihr Smartphone schauen, während ein Kollege spricht – kann die Zahl der Konflikte im Team steigen. 

Warum phubben Menschen?

Es gibt Menschen, die haben Sorge, etwas im Leben zu verpassen, und möchten deshalb beispielsweise über soziale Netzwerke permanent auf dem Laufenden bleiben. FOMO, Fear Of Missing Out, nennt sich dieses Phänomen. Andere Personen mit hohem Smartphone-Konsum leiden unter Nomophobie und werden übertrieben nervös oder empfinden gar Angst, wenn sie ohne ihr Handy sind.

Anisha Arenz, Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität Amsterdam, hat zahlreiche empirische Studien ausgewertet, um herauszufinden, welche persönlichen Eigenschaften oder Verhaltensmuster Phubbing wahrscheinlicher machen. Das Ergebnis: Am häufigsten phubben Menschen, die generell ein Problem damit haben, ihr Smartphone beiseite zu legen. „Problematische Nutzungsmuster sind der stärkste Prädiktor für Phubbing“, erklärt Arenz. Wenn man also selbst merkt, dass man mehr Zeit am Handy verbringt, als man eigentlich möchte, dieses Verhalten aber nicht abstellen kann, sollten die Alarmglocken läuten.

Kostenloses E-Book mit 44 Psychologie-Tipps bei Angst, Wut und Trauer

Erste Hilfe für die Seele: Psychologin Vanessa Graf gibt Ihnen 44 leicht anwendbare Übungen an die Hand, um negative Gefühle aufzulösen und mehr Selbstbewusstsein und Leichtigkeit zu gewinnen.

E-Book herunterladen

Tipps: Was hilft gegen Phubbing?

Offene Ansprache

Wenn man sich gephubbt fühlt, reicht es oft schon, dies offen anzusprechen. „Viele Menschen merken gar nicht, dass sie ständig zum Smartphone greifen“, sagt Arenz. Statt eines Vorwurfs ist eine konstruktive Formulierung meist zielführender, zum Beispiel der Hinweis, dass einem das Gespräch sehr wichtig ist und man sich kurz ohne Ablenkung oder Unterbrechung unterhalten möchte.

Manchmal ist es wichtig, das Handy in Reichweite zu haben und schnell auf eine Nachricht oder einen Anruf reagieren zu können. Dann erklärt man die Situation am besten kurz, empfiehlt die Kommunikationswissenschaftlerin. Kommt dann tatsächlich ein Anruf, fühlt sich das Gegenüber vermutlich weniger gephubbt.

Feste Regeln

Auch feste Handy-Regeln helfen gegen Phubbing. „Es ist sinnvoll, klar abzusprechen, in welchen Situationen das Smartphone nicht erwünscht ist“, so Arenz. In der Familie kann das heißen, dass beim Essen kein Smartphone auf dem Tisch liegt, oder die Smartphones nach 22 Uhr aus dem Schlafzimmer verschwinden. Im Job könnte man verabreden, dass man das Meeting kurz verlässt, wenn wirklich etwas Wichtiges am Smartphone zu erledigen ist, und ansonsten alle Geräte stumm zu schalten sind.

Dabei müssen die Regeln nicht starr sein. Gerade in Familien kann es sinnvoll sein, sich regelmäßig zusammenzusetzen und über das Thema zu sprechen: Was läuft gut mit unserer Smartphone-Nutzung? Was möchten wir verbessern? Haben wir genug Raum für Austausch? Auch, um Konflikte zu lösen? Pflegen wir genug Gemeinsamkeiten? „Wenn in diesen Gesprächen alle zu Wort kommen und gemeinsam Übereinkünfte getroffen werden, kann dies das soziale Miteinander sogar stärken“, sagt Kommunikationswissenschaftlerin Arenz.

Was kann man selbst tun, um Phubbing zu unterlassen?

Viele Tipps, die gegen Handysucht helfen können, lassen sich auch bei Phubbing anwenden. 

  • In Situationen, in denen wir uns nicht ablenken lassen möchten, wandert das Smartphone in die Tasche und außer Reichweite.
  • Zusätzlich hilft: Klingeltöne und Benachrichtigungen ausstellen.
  • Falls man erreichbar sein muss: Kurz den Sachverhalt ankündigen, das Smartphone auf Vibrieren stellen und in die Hosentasche stecken.
  • Persönliche Smartphone-Pausen festlegen, in denen man das Mobiltelefon bewusst zur Seite legt, ausschaltet oder nicht mitnimmt.
  • Persönliches Nutzungsverhalten immer wieder reflektieren.

Tipps für Eltern

Für Eltern hat Kinderärztin Schwarz abschließend diesen Tipp gegen Phubbing: „Vorbild, Vorbild, Vorbild könnte man sagen. Das bedeutet: die eigene Handynutzung kritisch betrachten und absolut medienfreie Zeiten mit den Kindern schaffen.“ Demnach sollten Eltern etwa beim Abholen des Kindes aus der Kita, während den Mahlzeiten oder beim Ins-Bett-bringen auf die Smartphone-Nutzung verzichten. Die Expertin ermuntert zum Ausprobieren: „Morgens zuerst in das Gesicht des geliebten Kindes blicken und erst viel später, zum Beispiel nach dem Frühstück, auf das Handy schauen.“

Zertifizierung

Auf unsere Informationen können Sie sich verlassen. Sie sind hochwertig und zertifiziert.