Der Klimawandel, die Belastung von Gewässern durch Arzneimittelrückstände und die zunehmende Bedeutung von Kreislaufwirtschaft rücken in den Fokus, wenn es darum geht, die Nachhaltigkeit von Medikamenten zu verbessern. Doch wie können Arzneimittel umweltfreundlicher produziert werden, ohne dabei weniger sicher zu sein? Dieser Ratgeber beleuchtet Ansätze, Herausforderungen und mögliche Lösungen, die für Versicherte und Patienten aber auch für die Industrie und Kostenträger relevant sind.
Ja, auch Arzneimittel hinterlassen Spuren in der Umwelt. Denn pharmazeutische Wirkstoffe gelangen über menschliche Ausscheidungen und unsachgemäße Entsorgung von Präparaten in die Natur. „Diese Rückstände können für Ökosysteme gravierende Folgen haben. Beispielsweise bewirken Antibiotika ein verlangsamtes Wachstum von Umweltbakterien und Algen, Schmerzmittel schädigen die Organe von Fischen, Blutdrucksenker stören die Fortpflanzung von Wasserinsekten“, sagt Dr. André Breddemann, Arzneimittel-Experte bei der BARMER.
Nachhaltigkeit im Arzneimittelzyklus
Ein nachhaltiger Ansatz sollte laut Breddemann möglichst den gesamten Lebenszyklus eines Arzneimittels berücksichtigen. „Von Forschung und Entwicklung über die Produktion und Verpackung bis hin zur Anwendung und Entsorgung müssen sämtliche Aspekte kritisch unter die Lupe genommen werden, um die Nachhaltigkeit in diesem Bereich zu stärken“.
Bereits in der Phase der Forschung und Entwicklung könne Nachhaltigkeit berücksichtigt werden. „So zielt beispielsweise das Konzept „Green Chemistry“, also grüne Chemie darauf ab, umweltschonendere Herstellungsverfahren zu entwickeln. Dabei stehen umweltfreundlichere Synthesemethoden von Wirkstoffbestandteilen, der Einsatz erneuerbarer Rohstoffe und die Reduktion von Abfallstoffen im Fokus“, erläutert Breddemann.
Die eigentliche Produktion von Arzneimitteln ist nach wie vor energieintensiv und erzeugt viele Abfälle. „Durch den Einsatz energieeffizienter Technologien und die Minimierung von Müll können Unternehmen ihren ökologischen Fußabdruck jedoch reduzieren“, erläutert Breddemann. Der Einsatz von grüner Energie, etwa durch Solaranlagen oder Windkraft, werde auch bei der Versorgung mit Arzneimitteln zunehmend wichtiger. „Transparente Lieferketten, die soziale und ökologische Standards einhalten, sind ein weiterer entscheidender Faktor.“
Auch die Verpackung von Arzneimitteln ist eine besondere Herausforderung, da sie einerseits den Wirkstoff vor äußeren Einflüssen schützen muss und andererseits für Patientinnen und Patienten leicht zu handhaben sein soll. „Nachhaltige Verpackungslösungen umfassen den Einsatz recycelbarer oder biologisch abbaubarer Materialien“, erläutert Breddemann.
Ein weiterer wichtiger Schritt hin zu mehr Nachhaltigkeit bei Medikamenten ist die Sensibilisierung der Patientinnen und Patienten. „Unsachgemäße Entsorgung von Arzneimitteln, etwa über die Toilette, ist nach wie vor weit verbreitet. Sie kann Umwelt und Gesundheit schädigen. Hier sind weitere Aufklärung und die Einrichtung einfacher Rückgabesysteme wichtig“, so Breddemann.
Patientinnen und Patienten sollten abgelaufene oder nicht mehr benötigte Medikamente laut Breddemann niemals einfach über die Toilette oder den Ausguss entsorgen, da Wirkstoffe so ins Grundwasser gelangen können. „In Deutschland gibt es keine bundeseinheitliche Regelung zur Entsorgung von Medikamenten und Arzneimitteln. Um unsere Umwelt und Gewässer nachhaltig zu schützen ist die sachgemäße Entsorgung von Arzneimitteln jedoch sehr wichtig. Auf der Internetseite arzneimittelentsorgung.de kann man sich nach Eingabe der Postleitzahl über die richtige Entsorgung am Wohnort informieren.“
In den meisten Regionen können Altmedikamente über den Hausmüll entsorgt werden. Unser Müll wird heute nicht mehr unbehandelt auf Deponien gelagert, sondern verbrannt oder mechanisch-biologisch vorbehandelt. Durch die Verbrennung werden die Arzneiwirkstoffe zerstört oder inaktiviert und können nicht mehr in unsere Umwelt gelangen. Bei einer mechanisch-biologischen Vorbehandlung ist dies nicht bei allen Wirkstoffen vollständig der Fall. Daher werden in diesen Regionen vor allem die Entsorgungswege Schadstoffmobil und Recyclinghof empfohlen. Manche Apotheken bieten als Service die Abnahme von Altarzneimitteln an – sie sind dazu allerdings nicht verpflichtet. Fragen Sie vorher telefonisch nach, ob die Apotheke in Ihrer Nähe Ihre alten Medikamente abnimmt.
Auch sollten Medikamente nur bei tatsächlicher medizinischer Notwendigkeit und in der richtigen Dosierung eingenommen werden, um Übermedikation und unnötige Abfälle zu vermeiden. „Durch die elektronische Patientenakte lassen sich zukünftig Doppelverordnungen vermeiden und die richtige Medikation sicherstellen. So trägt jeder Einzelne in der Kette dazu bei, Umweltbelastungen durch Arzneimittel zu reduzieren“, sagt Breddemann.
Aktuelle Entwicklungen für mehr Nachhaltigkeit bei Arzneimitteln
Um umweltfreundlichere Produkte und Prozesse im Bereich Arzneimittel zu realisieren, sind bereits einige Fortschritte erzielt worden. So gibt es bereits biologisch abbaubare Arzneimittel, deren Wirkstoffe sich nach ihrer Anwendung schnell und vollständig in eher harmlose Bestandteile zersetzen. „Solche Substanzen können dazu beitragen, die Belastung der Gewässer verringern“, sagt Breddemann. Notwendig sei zudem die Entwicklung von nachhaltigen Antibiotika, die weniger Resistenzen auslösen und schneller abgebaut werden können.
Auch digitale Gesundheitslösungen können nach Einschätzung von Breddemann dazu beitragen, Arzneimittel künftig gezielter und effizienter einzusetzen. „Telemedizin und personalisierte Therapieansätze können den Medikamentenverbrauch senken und die Umweltbelastung letztlich verringern.“ Zudem werde mit künstlicher Intelligenz in Forschung, Entwicklung und Vertrieb die Hoffnung verknüpft, effizientere Produktionsprozesse aufzusetzen, Abfälle zu minimieren und umweltfreundlichere Moleküle bei der Herstellung von Medikamenten zu identifizieren.
Herausforderungen auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit bei Arzneimitteln
Trotz erster Ansätze für mehr Nachhaltigkeit bei Arzneimitteln gibt es in diesem Bereich durchaus noch Hindernisse, die es zu überwinden gilt. „Denn nachhaltigere Alternativen sind häufig auch mit höheren Kosten verbunden“, weiß Breddemann. Zudem müsse die Wirksamkeit neuer Wirkstoffe oder Verpackungen erst umfassend getestet werden, was Entwicklungszeiten neuer Präparate verlängern könne. Auch würden vielfach noch Regulierungen und Standards für wirklich nachhaltige Arzneimittel fehlen, was die Umsetzung in der Versorgung erschwere. „Politik, Industrie, die Krankenkassen, aber auch Patientinnen und Patienten sind gleichermaßen gefordert, um die weitere Transformation aktiv voranzutreiben.“
Der gemeinsame Weg nach vorne
Nachhaltigkeit bei Erforschung, Produktion und Einsatz von Arzneimitteln erfordern einen ganzheitlichen Ansatz, der Wissenschaft, Technologie und gesellschaftliches Bewusstsein miteinander verbindet. „Jeder kann zu diesem Wandel beitragen: Pharmaunternehmen durch Innovation und verantwortungsbewusstes Handeln, die Politik durch geeignete Regulierung und Unterstützung und Patientinnen und Patienten durch einen bewussten Umgang mit Medikamenten“, sagt Breddemann. Die Umstellung auf eine nachhaltigere Praxis bei Arzneimitteln sei letztlich für alle eine Investition in die Zukunft.